SIEBZEHNTER
BEHANDLUNGSTAG

Meister Tauflieb hat gefracht nach Euch, Herr. Hat geschnaubt wien Bulle un geschimpft wien Rohrspatz. Wassis denn passiert?«

Lapidius rieb sich die Augen. Er war noch nicht ganz wach.

Marthe stand in der Tür zu seinem Experimentierzimmer und musterte ihn neugierig. »Hab ihm gesacht, der Herr schläft, un ich kann ihn nich stören, da isser wieder wech.«

»Gut gemacht. Ich werde mit Meister Tauflieb dann sprechen, wenn ich es für nötig halte.« Lapidius streckte sich ausgiebig und stellte fest, dass es ihm an diesem Morgen weit besser ging. Im Gegensatz zu sonst hatte er recht gut auf dem Stuhl genächtigt, und seine Kopfschmerzen waren fort. Die Wirkungen des Rauschtranks schienen überwunden. Im Nachhinein war zu konstatieren, dass der Inhalt des Fläschchens Gleichgewichtsstörungen hervorrief, Schädeldröhnen, Veränderung der Stimmenwahrnehmung und darüber hinaus unbegründete Heiterkeit. »Gieß mir ein wenig heißes Wasser ins Waschgeschirr, und dann ab mit dir in die Küche. Ich habe Hunger auf Spiegeleier und Putterpommen. Und einen Krug Bier.«

»Ja, Herr!« Von der Hoffnung beflügelt, Lapidius möge endlich einmal wieder etwas von ihr Zubereitetes essen, machte sich Marthe an die Arbeit. Wenig später saß der Hausherr bei ihr am Küchentisch und ließ es sich schmecken. Marthe schwamm im Glück und häufte weiteres Ei auf Lapidius’ Teller. »Isses auch genuch, Herr? Ich kann noch mehr machen.«

»Um Gottes willen, ich platze bereits!«

»Dassis gut, Herr! Ich mein, essis schön, dasses Euch schmeckt. Habichs schon gesacht? Der Brunnen is wieder gut. Gorm hat zwei Ratten rausgeholt, vergiftet warn die. Un nu isses wieder gut, das Wasser. Heut Morgen war son oller Köter da, der hat ausm Eimer gesoffen, un dem is nix passiert. Is wieder gut, das Wasser.«

»Schön.« Das war mal eine erfreuliche Nachricht. »Sag, warst du schon bei Freyj a oben?«

»Nee, Herr. Ihr habt dochn Schlüssel.«

»Ach ja.« Um der Magd eine Freude zu machen, zwang Lapidius sich die letzten Bissen hinein. Dann spülte er sie mit Bier hinunter und stand auf. »Ich schaue mal nach unserer Patientin.«

Oben vor der Türklappe bemühte er sich um einen munteren Ton. »Hallo, Freyja, der siebzehnte Tag deiner Behandlung bricht an, nur noch drei Tage, dann ist es geschafft.«

Ein leises Stöhnen war die Antwort.

»Freyja?« Hastig schloss Lapidius auf. Und prallte zurück. Die Kranke lag in unnatürlich gekrümmter Haltung im Stroh. Der Kopf, die Arme, die Schultern, schweißglänzend und nackt, zuckten in unregelmäßigen Abständen. Weinte sie? Oder war es der mit der Schmierkur einhergehende Tremor? »Freyja! So höre doch!« Er hielt ihr den mitgebrachten Becher Wasser entgegen. »Freyja!«

»Ich will … sterben.« Ihre Worte waren nur ein Wispern.

»Unsinn.« Er setzte das Gefäß ab und kniete sich vor sie hin. »Hast du nicht gehört? Nur noch drei Tage, dann ist es überstanden, nur drei Tage ! «

»Nein …«

»Aber, aber, gestern warst du doch noch recht guter Dinge, j edenfalls hat Marthe das gesagt, hast dich mit ihr unterhalten, dich einschmieren lassen …« Lapidius hielt inne. Es war ein Kennzeichen der Krankheit, dass sie das Gemüt ähnlich beutelte wie den Leib. Mal fühlte man sich leidlich gut, mal war man zu Tode verzagt. Man musste die Täler der Verzweiflung durchwandern, denn nach jedem Tal folgte wieder ein Berg. Das jedenfalls war der Trost, den Conradus Magnus ihm einst gegeben hatte. Lapidius biss sich auf die Lippen. Warum fiel es ihm nur immer so schwer, die rechten Worte zu finden? »Freyj a …«

Plötzlich schluchzte sie hemmungslos und begann seltsam krabbelnde Verrenkungen zu machen.

Er nahm an, dass die Schmerzen der Grund dafür waren, und überlegte ernsthaft, ob er die letzten Tropfen des Laudanums holen sollte, da sah er, dass ihre Bewegungen Methode hatten. Ihr Kopf und ihre Schultern entfernten sich langsam von der Klappenöffnung – fort an der inneren Wand entlang. Sie wollte sich seinen Blicken entziehen!

Wollte sie wirklich sterben? Ungesehen, wie ein Tier, das sich im Wald verkroch?

Ohne recht zu wissen, was er tat, streckte er die Hände aus und streichelte ihren Hinterkopf. »Freyja, Freyja, bleibe bei mir.« Was sollte, was konnte er nur tun? Ein Lied aus Kindertagen fiel ihm ein, eines, das seine Mutter ihm an der Wiege gesungen hatte. Er kannte es nur noch bruchstückhaft, aber er wusste um seine beruhigende Wirkung. Er begann zu singen, laut und ziemlich falsch, und kam sich ungeheuer lächerlich dabei vor, doch er sang weiter, denn er merkte, auch ihn beruhigte die alte Weise, und während seine Lippen die Worte formten, streichelten seine Hände unentwegt über Freyjas Kopf.

Sie bewegte sich nicht mehr.

»Freyja, Freyja.« Er beugte sich in die Kammer, immerfort singend, und zog sie behutsam wieder an den alten Platz. »Du gehörst zu den Lebenden. Du gehörst ans Licht. Du gehörst zu mir.«

Sie wandte sich ihm zu, und was er sah, erschütterte ihn erneut bis ins Mark. Noch nie hatte er ein so jammervolles, ausgezehrtes, dem Tode nahes Gesicht gesehen. Ihre Augen, vor wenigen Tagen noch geheimnisvoll und vitriolfarben, waren leer. »Ich kann nicht mehr«, hauchte sie, »die Schmerzen … will sterben, nur sterben …«

Da küsste er sie auf den Mund.

»Wollt Ihr rüber zu Meister Tauflieb, Herr?« Marthe kam die Treppe vom Oberstock herunter. Sie hatte Freyja die letzten Tropfen des Laudanums gegeben, hatte sie gepudert und gefüttert und Lapidius während aller dieser Tätigkeiten lautstark auf dem Laufenden gehalten. So wusste er, dass es der Kranken an Leib und Seele besser ging.

»Nein, ich laufe dem Meister nicht hinterher. Ich habe einen anderen Gang vor.«

»Wohin denn, Herr?«

»Du fragst zu viel. Der Schlüssel zu Freyjas Kammer bleibt hier, falls sie noch etwas braucht. Hast du auch nach Spinnen geschaut?«

»Ja, Herr, habich. Sollich ne Kleinichkeit …«

»Nein, bereite nichts Essbares vor, ich weiß nicht, wann ich zurück bin. Und halte das Haus verschlossen, lass niemanden ein.«

»Ja, Herr, ich … ich hab sonne Angst allein.«

Lapidius hatte es jetzt eilig. Er warf sich den Mantel über und sagte: »Schieb die Gesteinskiste vor die Haustür, so wie ich es die letzten Abende auch getan habe.«

»Die is zu schwer.«

»Aha, hm. Dann schließ ab und riegle von innen vor, das muss genügen.«

»Aber …«

»Kein Aber. Ich bin bald zurück.«

Rasch ließ Lapidius sein Haus hinter sich. Er wollte die Sabbathöhle noch vor der Mittagsstunde erreichen. Auch heute schien die Sonne; es versprach ein schöner Tag zu werden. Die letzten Schneereste waren getaut. Überall spross neues Grün. Lapidius ging schnell und stetig, und er spürte mit Genugtuung, dass die Märsche der vergangenen Tage seine Beine gestählt hatten. Er nahm den Hauptweg zur Zirbelhöh, denn er hatte Sorge, sich wieder zu verlaufen und abermals auf die Hilfe des alten Holm angewiesen zu sein.

So kam es, dass er nicht einmal zwei Stunden brauchte, um den Höhleneingang zu erreichen. Hier oben wehte ein kräftiger Wind, der seinem erhitzten Körper Kühlung brachte. Er blickte sich um. Niemand war zu sehen. Zu seinen Füßen schimmerte der nackte Fels, hier und da von einigem Moosbewuchs überzogen. Die Spuren im Schnee, die ihm den Weg zum Eingang gezeigt hatten, waren restlos verschwunden. Lapidius bedauerte das, denn beim letzten Mal hatten sie ihm verraten, dass die Höhle leer war. Aber es half nichts. Wenn er zu weiteren Erkenntnissen kommen wollte, musste er hinein. So oder so.

Wenig später stand er in dem halbdunklen Gang und entzündete die kleine Öllampe. Diesmal hatte er auf einen Wollfaden als Orientierungshilfe verzichtet, denn er wusste, er hatte sich immer nur links zu halten, um den großen Höhlendom zu erreichen. Und immer nur rechts, um zurückzufinden.

Langsam strebte er voran, passierte drei Weggabelungen – und landete prompt wieder in dem blinden Gang. Er verwünschte seine Gedankenlosigkeit, kehrte um, hielt sich abermals immer links und erreichte endlich die Felsenhalle. Unterwegs hatte er sich schon überlegt, wie er vorgehen wollte, um den vermissten Torso aufzuspüren. Es gab nur eine Möglichkeit: Vorausgesetzt, er hatte den Boden beim ersten Mal gründlich abgesucht, und das hatte er, konnte der kopflose Leib nur in einem der beiden gegenüberliegenden Gänge liegen.

Lapidius setzte nun behutsam Schritt vor Schritt – und blieb abrupt stehen.

Jemand war hier vor ihm gewesen!

Dafür sprachen die Dinge auf dem Boden: eine Schüssel mit Weihrauchklumpen, daneben ein paar kräftige Stricke und ein Messer, dessen Klinge im matten Licht des Lämpchens blitzte.

War es das Messer, das ihn fast getötet hätte? Er hob es auf und erkannte, dass es sich um einen Hirschfänger handelte. Die Waffe war spitz und scharf und hatte einen Griff aus Horn. Darauf eingeritzte Buchstaben. Lapidius fühlte sich fatal an die Stirn von Gunda Löbesam erinnert, stellte aber fest, dass er es hier mit anderen Lettern zu tun hatte:

DRJO

entzifferte er, wobei der letzte Buchstabe auch ein G sein konnte. Die Abkürzung sagte ihm, trotz angestrengten Nachdenkens, nichts. Er legte die Waffe wieder ab und entdeckte eine Säge. Es war kein Werkzeug, wie Zimmerleute es benutzten, sondern eine Knochensäge. Waren damit die Halswirbel der Ermordeten durchtrennt worden?

Zwei eiserne Töpfe rückten in sein Blickfeld. An den blutgefüllten Topf bei seinem ersten Besuch denkend, schaute er vorsichtig hinein. Gottlob waren beide leer.

Lapidius ging weiter und kam an den Fackeln vorbei. Er konnte sich täuschen, aber er hatte den Eindruck, es seien mehr geworden. Schließlich gelangte er zur Öffnung des linken gegenüberliegenden Ganges. Er schlüpfte hinein, langsam und dabei aufmerksam nach allen Seiten spähend. Ein paar Pferdedecken tauchten aus der Dunkelheit auf, nachlässig zusammengefaltet und übereinander gelegt. Wer immer in der Höhle seine Rituale abhielt, er mochte hier geschlafen und sich damit gewärmt haben.

Dann endete der Pfad.

Lapidius tastete sich zurück und betrat ohne große Erwartungen den anderen Gang. Dort tat sich ein ähnliches Bild auf: holperiger Boden vor ihm, feuchte Wände neben ihm und dann und wann ein davonhuschendes Insekt. Fünfundzwanzig oder dreißig Fuß weiter versperrten ihm schwere Steine den Weg. Kurz dahinter endete auch dieser Gang. Lapidius war enttäuscht. Insgeheim hatte er doch gehofft, den Torso hier zu entdecken. Aber er bemerkte nichts, das ungewöhnlich gewesen wäre.

Bis auf den Geruch.

Er lag auf einmal in der Luft, und j e näher er den Steinen kam, desto stärker wurde er. Er kannte diesen widerwärtigen Geruch. Es war der Gestank nach Leiche. Lapidius kniete nieder und nahm einen der Steine fort. Ein nackter Fuß wurde sichtbar. Dann noch einer. Dann die Beine, die sich, fahl und schon leicht aufgedunsen, anfühlten wie feuchter Kautschuk. Übelkeit überkam ihn. Er kämpfte dagegen an und arbeitete weiter. Stück um Stück, Stein um Stein, wurde die Leiche nun sichtbar. Es handelte sich um eine Frauenleiche, nackt und bloß. Und – ohne Kopf.

Trotz der Kühle in der Höhle brach Lapidius der Schweiß aus. Er hatte den Torso gefunden, der zu dem Frauenkopf gehörte. Was war zu tun? Sollte er den Rumpf einfach wieder zudecken? Nein, er würde vorher noch den Rücken der Leiche untersuchen. Er wollte wissen, ob sie dort Blutergüsse aufwies, wie er sie unter Gunda Löbesams Schulterblättern gefunden hatte. Fünf an der Zahl waren es gewesen, angeordnet wie die Fünf auf einem Würfel.

Doch dazu musste das Öllämpchen einen anderen, höheren Platz erhalten, welchen zu finden sich als gar nicht so einfach herausstellte. Schließlich entdeckte er einen Felssockel, der dem gewünschten Zweck dienlich sein mochte. Lapidius, immer noch kniend, musste sich gehörig vorbeugen, um die Lichtquelle darauf absetzen zu können. Und dann passierte alles auf einmal:

Er sah den Teufel.

Er prallte zurück.

Er ließ die Lampe fallen.

Augenblicklich umfing ihn schwärzeste Finsternis. Lapidius lag rücklings zwischen den Steinen, den Leichenrumpf unter sich. Nur langsam gelang es ihm, wieder einen klaren Gedanken zu fassen. Natürlich, was er gesehen hatte, war nicht der Leibhaftige, sondern nur eine Gesichtsmaske. Allerdings eine, die so grauenhaft aussah, dass sie den stärksten Mann das Fürchten lehren konnte. Lapidius rappelte sich auf. Es gibt keinen Satan in dieser Höhle, sagte er sich. Es ist nur die Maske des Teufels. Eine Maske, mehr nicht!

Er begann nach dem Lämpchen zu tasten und seufzte vor Erleichterung, als er es kurz darauf tatsächlich unter den Fingern fühlte. Es lag auf dem Felsboden, kaum eine Armeslänge von ihm entfernt. Nun musste er es nur wieder entzünden. Stahl und Feuerstein befanden sich in seinen Taschen, und er grub danach. Da waren sie schon. Nach wenigen Versuchen stand die Flamme auf dem Docht, und Lapidius konnte wieder sehen. Den Blick in Richtung Maske vermeidend, wollte er das Licht nun endgültig aufstellen, als er unvermittelt bemerkte, dass der Lampenkörper nahezu ausgelaufen war. Er hatte kaum noch Öl. Das hieß, wollte er noch bei Licht die Höhle verlassen, musste er sich eilen! Hastig drehte er am Torso, während er die Blicke der Teufelsfratze fast körperlich in seinem Rücken spürte. Es ist nur eine Maske, sagte er sich abermals und untersuchte den Rücken. Ja! Fünf Hämatome waren darauf zu unterscheiden. Ein Beweis, dass auch dieser Leib auf die Stalagmiten gepresst worden war.

Im Folgenden nahm Lapidius auch die anderen Körperteile in Augenschein, konnte aber nirgendwo Spuren einer Gewaltanwendung entdecken.

Das Öllämpchen flackerte.

Lapidius erkannte, dass ihm kaum noch Zeit blieb. Der Rumpf musste liegen bleiben, wie er war. Er nahm das Licht auf, fasste sich ein Herz und schaute noch einmal hinter den Felssockel. Obwohl er diesmal vorbereitet war, kostete es ihn große Überwindung, den Anblick zu ertragen: Eine blutigrote hämisch grinsende Fratze mit kantigen Kiefern, gebogenen Hörnern und großen Augenlöchern starrte ihm aus dem Halbdunkel entgegen; links und rechts daneben ebensolche Scheußlichkeiten, die das Böse ausstrahlten, die Vernichtung, die Verachtung alles Göttlichen. Die Masken waren so perfekt gearbeitet, dass sie zu leben schienen.

Und sie lebten.

Sie bewegten sich auf ihn zu!

Lächerlich. Das konnte nicht sein. Lapidius besann sich auf seinen Verstand. Er war Wissenschaftler, und die Bewegung rührte sicherlich nur von dem unruhigen Flämmchen her. Doch wollte er sich darauf lieber nicht verlassen und machte, dass er davonkam. Er eilte zurück in den Höhlendom, fand auf Anhieb den richtigen Gang nach draußen, verirrte sich auch weiterhin nicht und stand kurz darauf – wieder im Dunkeln. Das Lämpchen war verloschen. Keinen Augenblick zu früh, wie er aufatmend feststellte, denn er sah bereits Licht am Ende des Wegs. Licht, Himmel, Helligkeit! Voller Verlangen schritt er weiter, bis er den Höhleneingang erreicht hatte.

Als er wenig später den Heimweg antrat, konnte er sich eines gewissen Hochgefühls nicht erwehren. Zwei seiner Annahmen hatten sich als richtig erwiesen. Zunächst einmal gab es sie tatsächlich, die Filii Satani. Außerdem waren es mit Sicherheit drei – wie auf Vierbuschs Triptychon. Beides ließ sich durch die Entdeckung der Masken eindeutig belegen.

Bei den toten Frauen gab es ebenfalls Erkenntnisse. Sowohl Gunda Löbesam als auch die Unbekannte waren in der Sabbathöhle vergewaltigt worden. Die Hämatome auf ihren Rücken sprachen unzweifelhaft dafür.

Lapidius war so in seine Gedanken vertieft, dass er an einer Wegbiegung geradeaus lief und jählings im dicht wachsenden Gebüsch stecken blieb. Er unterdrückte eine Verwünschung und versuchte, sich aus dem hakeligen Gezweig zu befreien. Es gelang ihm auch, mit einem kräftigen Ruck. Unwillkürlich stieß er einen Pfiff aus. Er hatte etwas am Boden gesehen, etwas, das nicht dahin gehörte. Nochmals zog er das Geäst beiseite und konnte nun eine Kiepe erkennen, ein geflochtenes Behältnis, wie es von vielen Überlandreisenden benutzt wurde. In der Kiepe befanden sich mehrere Körbe von unterschiedlicher Form. Daneben lag ein größerer blauer Stofffetzen, bei dem es sich, wie Lapidius beim Aufnehmen erkannte, um ein Kleid handelte. Dazu fand er billige Schuhe, ein Leibchen, eine zerknitterte Haube … die Kleider einer Frau.

Lapidius war klar, dass er die Verkaufsware der Gunda Löbesam entdeckt hatte. Hier war der Ort, wo die Söhne des Teufels sich ihrer entledigt hatten. Ebenso wie der Kleider, die allerdings nicht der Korbmacherin zuzuordnen waren, da diese ja vollständig angezogen in der Friedhofskapelle gelegen hatte. Sicher gehörten sie der unbekannten Toten. Lapidius forschte nach Hinweisen auf ihren Namen, konnte aber trotz aller Sorgfalt keinen finden.

Er fragte sich, was er mit seinem Fund anstellen solle, und entschied dann, alles an seinem Platz zu lassen. Es machte keinen Sinn, wenn er, bepackt mit Kiepe und Kleidern, in Kirchrode ankam und lauthals verkündete, er habe den Besitz der beiden toten Frauen gefunden. Man würde ihn nur verdächtigen, die Meucheltaten begangen zu haben. Ihn und natürlich Freyja..Die Teufelsmasken fielen ihm ein. Auch sie hätte er an sich nehmen, hinunterschaffen und den Kirchrodern zeigen können. Doch dann wären die Filii Satani gewarnt gewesen. Nein, es war schon richtig, sie in der Höhle gelassen zu haben.

Er schritt wieder aus und versuchte, sich nur auf den Pfad zu konzentrieren. Aber die Masken waren hartnäckig. Sie wollten ihm nicht aus dem Kopf.

Und es war ihm, als hätten sie doch gelebt.

»Es gibt Euch also doch noch, werter Herr Magister! « Wie aus dem Erdboden gewachsen stand Tauflieb plötzlich neben Lapidius, der sich anschickte, sein Haus zu betreten.

»Sicher. Erst einmal einen guten Tag, Meister.« Lapidius wappnete sich. Taufliebs zornesblitzenden Augen nach zu schließen, würde dies kein angenehmes Gespräch werden. Aber welche Unterhaltung mit Tauflieb war schon angenehm. Lapidius fragte sich nur, warum der Mann so wütend war. Er sollte es gleich erfahren.

»Ihr meint, mir aus dem Weg gehen zu können, aber da seid Ihr schief gewickelt! Ich will mit Euch reden, und das werde ich auch! Was fällt Euch eigentlich ein, meinen Hilfsmann Gorm zum Wasserschöpfen zu missbrauchen? Stundenlang, wie die Nachbarn sagen! Kaum ist man aus dem Haus, schon passieren solche, solche …« Tauflieb rang um das richtige Wort.

»Ihr wart nicht im Haus?«, gab Lapidius sich unwissend. »Wo wart Ihr denn?«

»Das geht Euch nichts an! Ihr werdet mir die Arbeitskraft meines Hilfsmannes bezahlen. Ich werde genau feststellen, wie lange er mit dem Geplansche beschäftigt war, und Euch jede einzelne Minute in Rechnung stellen.«

»Der Brunnen war vergiftet, Meister, und ich will gar nicht fragen, von wem, aber da Ihr die Angewohnheit habt, ihn des häufigeren mitzubenutzen, ohne Entgelt, wie ich hinzufügen möchte, war es nur recht und billig, dass Gorm diese Arbeit tat.«

»Wollt Ihr damit etwa andeuten, ich hätte das Wasser vergiftet? Das ist die Höhe! Lenkt nicht ab! Ich wiederhole: Ich werde Euch j ede einzelne Minute in Rechnung stellen! «

Durch Taufliebs Lamentieren hatten sich mittlerweile ein paar Neugierige angesammelt. Drinnen im Haus war auch Marthe aufmerksam geworden; sie entriegelte die Tür und steckte den Kopf heraus. »Seid Ihrs, Herr? Wassisn los? Ich…«

Lapidius drängte sie zurück. »Schon gut, Marthe, misch dich hier nicht ein.«

Die Magd verschwand widerstrebend. Lapidius drückte die Tür zu. »Habt Ihr nun genug Dampf abgelassen?«, sagte er zu Tauflieb.

»Noch lange nicht! Während Gorm Euren Brunnen leer schöpfte, ist Arbeit in der Werkstatt liegen geblieben, wichtige Arbeit!«

»Haltet Ihr es nicht für besser, unser Gespräch hinten auf dem Hof fortzusetzen?«

»Meinetwegen. Aber glaubt ja nicht, dass Ihr um eine saftige Rechnung herumkommt!«

Lapidius ging voraus und blieb dann neben den Johannisbeersträuchern stehen. »Nun, um des lieben Friedens willen werde ich Euch bei Gelegenheit Euren, äh … Schaden ersetzen. Übrigens, wo Ihr gerade Eure Werkstatt erwähntet, ich hörte, Ihr hättet darin einen riesigen Obstpflückerkorb stehen? Sagt mir doch, was Ihr als Schlosser mit einem solchen Gegenstand zu schaffen habt.«

Tauflieb stutzte für einen Moment, fing sich dann aber schnell. Drohend kniff er die Augen zusammen. »Jetzt habt Ihr Euch verraten, Lapidius! Ihr wisst von dem Korb doch nur, weil Ihr des Nachts in mein Haus eingebrochen seid, stimmts? Lange habe ich gerätselt, wer es gewesen sein könnte, nun zeigt sich, dass ich richtig vermutet habe. Am Nachmittag noch wart Ihr bei mir und wolltet diesen albernen Dreifuß gerichtet haben. Ich hatte mir gleich gedacht, dass da etwas faul ist. Es ging Euch gar nicht um den Dreifuß, es ging Euch um meinen großen Bohrer. Ihr hieltet ihn in der Hand, und ich sagte Euch, Ihr sollt ihn zurücklegen. Da Ihr ihn so nicht bekamt, habt Ihr ihn in der Nacht geklaut. Von dem Scherbenhaufen, den Ihr in meiner Küche hinterlassen habt, will ich gar nicht reden. Aber eines sage ich Euch: Ihr werdet für alles bezahlen. Für alles! Ihr seid ein Dieb, Magister Lapidius! Ein gemeiner Dieb! Ich werde den Büttel noch heute …«

»Ihr werdet gar nichts«, unterbrach Lapidius. Er war überrascht von der Scharfsinnigkeit des Meisters, die ihn in eine gefährliche Lage zu bringen drohte. Nun war es Zeit, die Dinge gerade zu rücken. »Ihr werdet gar nichts«, wiederholte er. »Ja, Euer Bohrer befindet sich bei mir, aber ich habe ihn nicht ›geklaut‹, wie Ihr Euch auszudrücken beliebtet, sondern in Sicherheit gebracht. Das Werkzeug steht im Zusammenhang mit dem Mord an jener toten Frau, deren Kopf über meiner Tür hing.«

»Pah!«, machte Tauflieb nur.

»Ihr habt Euch während des Tumults vor meinem Haus ja nicht blicken lassen – ebenso wenig wie Gorm –, aber dass der Frauenkopf zwei Hörner trug, dürfte Euch hinlänglich bekannt sein, zumal Eurem Bock diese zufällig fehlen.«

»Worauf wollt Ihr hinaus?«

»An der Spitze Eures Bohrers klebt Blut.«

»Na und?« Aus der Wut des Meisters wurde Wachsamkeit. »Das kann jeder behaupten.«

»Es ist Blut, ich habe es mittels mehrerer Versuche einwandfrei nachgewiesen. Blut an Eurem Werkzeug!«

Tauflieb machte eine wegwerfende Geste. »Ich habe mir neulich beim Bohren die Hand verletzt.«

»Das kann jeder sagen. Es ist einwandfrei Blut.«

»Wollt Ihr damit etwa behaupten, ich hätte etwas mit den Hexenmorden zu tun? Ihr habts gerade nötig, wo die Säckler unter Eurem Dach haust!«

Lapidius setzte nach: »Es ist einwandfrei Blut. Das Blut der Ermordeten! Denn der Bohrer – Euer Bohrer! – passt genau in die Löcher, die zum Einsetzen der Bockshörner vonnöten waren.«

Der Meister war aschfahl geworden. »Ich wars nicht, um Himmels willen, ich wars wirklich nicht!« »Dann könnt Ihr mir jetzt vielleicht sagen, wie der Obstpflückerkorb in Eure Werkstatt kommt?«

»Bei allen Heiligen! Ich weiß es nicht. Gorm muss ihn irgendwann angeschleppt haben. Keine Ahnung, wozu er ihn braucht. Ich habe ihn schon ein paar Mal gefragt, aber er rückt nicht mit der Sprache heraus. Wenn er etwas nicht will, dann will er nicht. Da habe selbst ich keinen Einfluss auf ihn.«

»Der Korb stammt von der Zirbelhöh. Er stand in der Werkstatt der schiefen Jule, einer Korbmacherin, die dort oben arbeitete.«

»Aha. Und?«

»Ich sagte: ›… arbeitete‹, denn die schiefe Jule ist tot. Sie wurde erschlagen, und der Korb ist verschwunden.«

Tauflieb brauchte einige Zeit, um das Gesagte zu durchdenken. Dann verfinsterte sich sein Gesicht. »Mag sein, Herr Magister, dass Gorm sich den Korb von der schiefen Jule geholt hat, mag sein, dass die Frau getötet wurde, aber deshalb muss das eine noch lange nichts mit dem anderen zu tun haben. Gorm, nun … hat nicht gerade das Pulver erfunden, aber er ist kein schlechter Kerl. Er würde keiner Fliege etwas zuleide tun. Keiner Fliege!«

»Ist Euer Hilfsmann nachts regelmäßig zu Hause?«

»Nun, ich …«

»Antwortet! «

Tauflieb gab sich einen Ruck. »Natürlich. Immer.«

Lapidius sah, dass sein Gegenüber log. Und er sah es nicht nur, er wusste es auch. Denn in der Nacht seines Einbruchs bei Tauflieb hatte dieser die Abwesenheit Gorms mehrfach lautstark bedauert. »Kennt Ihr die Sabbathöhle?«

»Die … wie soll die heißen?«

»Sabbathöhle.«

»Nein.«

Lapidius war überzeugt, dass der Meister weiterlog. »Wisst Ihr, was Stalaktiten und Stalagmiten sind?«

»Ich … nein.«

»Besitzt Ihr eine Teufelsmaske?«

»Wie?« »Sagt Euch der Begriff ›Die Söhne des Teufels‹ etwas?« »Äh … nein.«

»Kennt Ihr das St.-Gabriel-Triptychon in Pfarrer Vierbuschs Kirche?«

»Nein. Hört, was soll das alles, ich …«

»Dann wisst Ihr auch nicht, dass es geschändet wurde? Dass der Hals des Engels angeschnitten wurde?«

In Taufliebs Gesichtszügen glaubte Lapidius ein Wechselbad aus Trotz und Schuld zu sehen. »Nein, zum Donnerwetter, nein, nein!«

»Könnt Ihr mit den Buchstaben DRJO oder DRJG etwas anfangen? Wisst Ihr, wozu Bilsenkraut nütze ist?«

»Ja.«

»Was meint Ihr, die Buchstaben oder das Kraut?«

»Das Bilsenkraut. Es hat rauschhafte Wirkung.«

»Aha. Schon besser. Wir kommen der Sache näher. Kennt Ihr die Koechlin und die Drusweiler? Jene beiden Weibsbilder, die Freyja Säckler denunziert haben?«

»Wer kennt die nicht. Aber ich …«

»Gut, gut. Könnt Ihr Latein?«

»Wie? Nein, nicht richtig. Ich war mal auf einer Lateinschule, nur kurze Zeit …«

»Sehr gut. Wisst Ihr, was Filii Satani heißt?«

»Nein. Oder doch, ich denke …« Der Meister machte j etzt einen leicht verwirrten Eindruck. »Irgendwas mit Söhnen und Teufeln?«

»Ihr sagt es. Ich wusste, wir kommen der Sache näher. Fühlt Ihr Euch als ein Sohn des Teufels? Gebt es ruhig zu. Ich habe viele Hinweise, dass Ihr ein solcher seid. Es liegt in der Heimtücke Satans, dass er sich nur zeitweise im Körper zu erkennen gibt. Vorzugsweise nachts. Habt Ihr manchmal das Gefühl, das Böse ginge mit Euch durch? Ist Euch heiß? Möchtet Ihr töten? Schänden? Blut saugen?«

Lapidius hatte im Laufe der Zeit immer lauter gesprochen, ja zum Schluss fast geschrien, darum wunderte er sich umso mehr, dass j etzt überhaupt keine Antwort mehr kam. Stille lag über dem Hof. Tauflieb stand nur stumm da, die Augen in weite Ferne gerichtet. Endlich sagte er: »Ich glaube, dass in jedem von uns ein Stück Teufel steckt, Magister. In mir, in Gorm, in Euch. Deshalb solltet Ihr auch Euch alle diese Fragen stellen. Ich jedenfalls denke, dass Ihr mit Eurem geheimnisvollen Wissen um Höhlen und Teufel sehr verdächtig seid. Ich muss mir überlegen, ob ich nicht doch zum Büttel gehe und ihm von diesem Gespräch berichte. Und nun darf ich um den Bohrer bitten. Er ist mein Eigentum.«

Lapidius schluckte. Eben noch hatte er gedacht, Tauflieb entlarven zu können, und nun diese Wandlung. Der Meister war wirklich kaltschnäuzig. Erst hatte er ganz offensichtlich gelogen, dann war er immer unsicherer geworden, und am Schluss hatte er sich wieder gefangen. Und den Spieß umgedreht, indem er neuerlich mit dem Büttel drohte. Das war enttäuschend. Aber er, Lapidius, durfte nicht aufstecken. Und sich schon gar nicht einschüchtern lassen. »Der Bohrer ist ein Beweisstück, Meister! Er bleibt in jedem Fall bei mir.«

Tauflieb zögerte einen Augenblick. Dann zuckte er mit den Schultern und verließ ohne ein weiteres Wort den Hof.

Lapidius blickte ihm hinterher und fragte sich, wie er das hitzige Gespräch bewerten sollte. Er hatte Tauflieb zu einem Geständnis bringen wollen, aber das war ihm nicht gelungen. Andererseits hatte der Meister wiederholt gelogen, und es stand zu erwarten, dass er, noch mehr unter Druck gesetzt, mit der Wahrheit herausrücken würde: mit der Wahrheit, dass er ein Sohn des Teufels war, der seinen ahnungslosen, tumben Hilfsmann vorschickte? War das so? Gorm war von Tauflieb abhängig. War er ihm gar hörig? Dagegen sprach die Bemerkung des Schlossers, manchmal habe selbst er keinen Einfluss auf Gorm. Doch wer konnte den haben, wenn nicht Tauflieb?

Lapidius ging mit schweren Schritten zur Hoftür und betrat das Haus.

Marthe saß am Küchentisch und zitterte wie Espenlaub. »Ich fliech am ganzen Körper, Herr, am ganzen Körper!«

»Das sehe ich.« Lapidius brauchte einen Augenblick, um sich auf die neue Situation einzustellen. »Hat es mit dem da zu tun?« Er wies auf ein flaches, mit Wasser gefülltes Gefäß, in dessen Mitte eine schrumpelige Kugel lag, ein Gebilde, das aussah, als hätte jemand blattlose Zweiglein zu einem Ball zusammengeknüllt.

»Ja, Herr, nee, Herr. Dassis ne Rose von Jericho.«

»Nun beruhige dich erst einmal und erzähle mir, was das ist.«

»Ne Jerichorose. Die muss man ham, wennim Haus Glück un Segen sein solin un nich Tod un Verderben. Da sacht man auch ›Auferstehungsrose‹ zu, weilse immer wieder aufgeht.« Das Reden über die unscheinbare Pflanze, welche von Wissenschaftlern Selaginella epydophylla genannt wurde, beruhigte die Magd etwas. »In drei Tagen isse ganz außenander, un wenns Wasser alle is, gehtse wieder zusammen. Man kannse stehn lassen, so lang man will, un se geht nich kaputt. Dreitausend Jahre isse alt, die Rose.«

»Aha, so, nun ja.« Lapidius dämmerte es, schon von der Wunderpflanze gehört zu haben. Kreuzritter hatten sie einst aus dem Heiligen Land mitgebracht. Dem Wasser, in dem sie stand, wurden heilsame Kräfte nachgesagt, ebenso wurde behauptet, dass sie, neben einer Gebärenden aufgestellt, die Niederkunft erleichterte. »Marthe, Marthe, du wirst immer frommer. Erst die Schluckmadonna, dann der Taschenaltar und jetzt auch noch eine Rose von Jericho.«

»Essis doch nur, weilich sonne Angst hab, Herr. Ihr wart ja wech, un Gorm war wieder da.«

»Was, Gorm war schon wieder da?«

»Wollt zu Freyja hoch, der Kerl, hat immer so komisch gekuckt un gesacht, ich soll aufmachen un ihn hochlassen, aber ich hab gesacht, ich darfs nich, un er soll mirn Buckel runterrutschen, un da hatter gesacht, ich müssts, weiler dochn Teufel is, un … un … da habich mich zu Tode erschreckt un die Rose ausm Schrank geholt, habsie von Mutter … un … un …« Die Magd begann wieder zu zittern.

»Beruhige dich«, sagte Lapidius nochmals und setzte sich neben sie. Er ließ es sich nicht anmerken, aber in seinem Inneren hatte ein ganzer Glockenturm Alarm geschlagen. Gorm hatte sich als Teufel bezeichnet! War er am Ende doch nicht so dumm, wie er immer tat? Gehörte er dazu? War er mit Tauflieb und Fetzer im Bunde?

Marthe schniefte geräuschvoll. »Un wie ich die Rose inner Hand hab, isser abgehaun.«

»Er war also nicht im Haus?«, vergewisserte sich Lapidius.

»Nee, hab ihn ja nich reingelassen. Wollt Ihr was zu beißen, Herr? Hab aber nix Rechtes, weilich doch sonne Angst hatt un nich kochen könnt. Hab nur Brot un Butter. Un Brühe für Freyja.«

Lapidius spürte Erschöpfung. Sechs Stunden war er in den Bergen unterwegs gewesen, immer auf den Beinen, immer unter Anspannung, und am Schluss hatte er noch das unerfreuliche Wortgefecht mit Tauflieb durchstehen müssen. Jetzt sehnte er sich nach Schlaf. Es war zwar erst Nachmittag, aber eine Schlummerstunde würde ihm gut tun. »Ich will nichts essen. Gib Freyja später die Brühe. Du findest mich in meinem Laboratorium, aber störe mich nur im äußersten Notfall.«

»Un für heut Abend habich auch nix, muss erst morgen zum Markt.«

»Schon recht.« Lapidius unterdrückte ein Gähnen und erhob sich. Am liebsten hätte er sofort seinen Experimentierraum aufgesucht, aber dann ging er doch noch einmal in die Diele und schob die schwere Gesteinskiste quer durch die Küche vor die Hoftür. Es war mehr ein symbolischer Akt, denn ihm war klar: Einer wie Gorm würde sich, wenn er es darauf anlegte, davon nicht aufhalten lassen. Aber immerhin … Er überprüfte auch den schweren Riegel vor der Haustür und die Fenster. Sollte er noch nach Freyja sehen? Ja, aber später. Er betrat das Laboratorium, wo sein Lieblingsstuhl schon auf ihn wartete, und setzte sich.

Doch der Schlaf kam nicht. Lapidius saß zu unbequem. Und die Gedanken waren auf einmal alle wieder da. Dazu kam, dass es ihn überall zu jucken begann. Mal kitzelte es hier, mal kribbelte es da. Ärgerlich darüber, wurde er immer wacher. Er stand auf und blickte sehnsüchtig auf sein Bett. Wie herrlich musste es sein, sich darauf langmachen zu können – wenn die Liegefläche nur wieder gerade wäre! Und dann hatte er einen Einfall. Er nahm den von Tauflieb gerichteten Dreifuß und stellte ihn unter das abgeknickte Bein. Das brachte schon etwas. Aber erst, als er noch einen dicken Holzscheit dazugepackt hatte, war die Fläche leidlich eben. Eigentlich war das schöne Buch zu schade für diesen Zweck, aber darauf konnte er keine Rücksicht nehmen. Heute nicht. Aufseufzend legte er sich hin und streckte die Glieder aus. Nur das helle Licht im Raum verdross ihn noch, und er ahnte, er würde kein Auge zutun, bevor er nicht Abhilfe geschaffen hatte. Also stand er nochmals auf und holte sein kleines Büchlein, welches er sich aufgeklappt über die Augen legte.

Nun war alles gut, und er merkte, wie die Nebel des Schlafs ihn umhüllten, dichter wurden und hinabzogen in das Land der Träume. Kurz bevor er einschlief, drehte er den Kopf noch einmal zum Sprechschacht:

»Freyj a«, murmelte er, »Freyj a, ich komme nachher.«